Wanderwege sind nicht nur touristische Infrastruktur, sondern zunehmend Räume, in denen Naturerleben, Erholung, Umweltbildung und regionale Nachhaltigkeitsziele miteinander verschränkt werden. Vor diesem Hintergrund stellt sich im Citizen-Science-Projekt Wanderlabor Bad Berleburg die zentrale Frage, wie Wanderwege so gestaltet und weiterentwickelt werden können, dass sie sowohl den Erwartungen der Wandernden entsprechen als auch Impulse für ein verantwortungsbewusstes Naturerleben setzen. Als Citizen-Science-Projekt zeichnet sich das Vorhaben dadurch aus, dass Bürgerinnen und Bürger nicht nur als Teilnehmende, sondern aktiv an der Konzeption, Durchführung und in Teilen auch an der Auswertung beteiligt sind. Initiiert wurde das Wanderlabor durch Rüdiger Grebe, der als Ideengeber maßgebliche Impulse für die inhaltliche und methodische Ausrichtung geliefert hat. Die praktische Umsetzung des Projekts erfolgt mit Assistenz der BLB-Tourismus GmbH, die das Vorhaben organisatorisch begleitet und in die lokale Wegeentwicklung einbettet.
Vorgehensweise: Qualitative Methode - Methodik der “Walking Interviews“ und daraus entwickelte Hypothesen als Grundlage für die quantitative Methode – „online Fragebogen“
Der Ansatz folgt einem Mixed-Methods-Design, das qualitative und quantitative Verfahren kombiniert. Im ersten Schritt wurden entlang eines ausgewählten Premiumwanderwegs halbstrukturierte Walking Interviews geführt. Diese Interviews fanden im unmittelbaren situativen Kontext statt und ermöglichten es, Wahrnehmungen, Bewertungen und Emotionen direkt während des Gehens zu erfassen.
Die Gespräche wurden aufgezeichnet, transkribiert und mithilfe einer reflexiven thematischen Analyse ausgewertet. So konnten zentrale Dimensionen des Naturerlebens, Faktoren der Erholung sowie Aspekte der Orientierung, aber auch Störungsfaktoren bestmöglich erfasst werden. Ein besonderer Fokus lag auf der Analyse der Informationsvermittlung insbesondere durch Audiotexte, die mit dem Konzept der Heritage Interpretation (Natur- und Kulturinterpretation) arbeiten, welches den Besuchenden ein tieferes Verständnis für Natur- und Kulturerbe vermitteln soll. Auf Basis dieser qualitativen Ergebnisse wurden anschließend zentrale Aussagen verdichtet und in inhaltlich begründete Hypothesen überführt. Diese wiederum bildeten die Grundlage für die Entwicklung eines strukturierten Online-Fragebogens, sodass sich die qualitativen Erkenntnisse durch breiter angelegte Muster und quantifizierbare Trends ergänzen lassen. Dieser zweistufige Forschungsprozess trägt dazu bei, sowohl feine Nuancen des Erlebens zu erfassen als auch generalisierbare Erkenntnisse für die Weiterentwicklung der Wanderwege in Bad Berleburg abzuleiten.
Die vorliegende Untersuchung liefert ein datengestütztes Bild davon, welche Faktoren das Wandererlebnis auf einem mittelgebirgstypischen Premiumwanderweg prägen und wie diese aus Sicht der Nutzenden wahrgenommen werden. Die Kombination aus situativen Walking-Interviews und einer anschließenden Online-Befragung hat ein differenziertes Verständnis zentraler Wahrnehmungsmuster ermöglicht und sowohl die qualitative Tiefenstruktur als auch quantitative Breitentrends sichtbar gemacht
Über beide Datenstränge hinweg zeigt sich deutlich, dass ein gelungenes Wandererlebnis in erster Linie durch naturnahe, abwechslungsreiche und ruhige Wege bestimmt wird. Besonders stark tragen dabei Biodiversität, dichte Vegetationsstrukturen, naturbelassene Pfade, Gewässer und klare Sichtachsen zum positiven Gesamteindruck bei. Die qualitative Analyse verdeutlichte, wie eng diese Merkmale mit Emotionen wie Entspannung, Entschleunigung und Naturverbundenheit verknüpft sind. Dies wird von den quantitativen Ergebnissen bestätigt, die naturbelassene Wege, Gewässer und Ausblicke als die positivsten Merkmale hervorheben. Gleichzeitig wurde sichtbar, dass Störungen durch Infrastruktur, insbesondere Straßenlärm, aber auch Betonbauten oder eine fehlende Naturnähe des Weges, das Erleben deutlich beeinträchtigen. Ambivalente Elemente wie Kahlflächen oder Windräder erzeugen komplexere Reaktionen. Sie werden oft als ästhetisch störend empfunden, aber zugleich in größere ökologische und gesellschaftliche Zusammenhänge eingeordnet.
Aus den Ergebnissen lassen sich mehrere zentrale Empfehlungen ableiten:
Insgesamt belegen die Ergebnisse, dass naturbasierte Erlebnisse auf Wanderwegen ein hohes Potenzial haben, Erholung, Naturverbundenheit und Umweltbewusstsein zu fördern. Sie unterstreichen zugleich die Bedeutung einer sensiblen landschaftlichen Gestaltung, einer klaren Wegführung sowie einer zielgruppenspezifischen, nicht überfordernden Informationsvermittlung. Für die Weiterentwicklung der Wanderwege in Bad Berleburg und die zukünftige Ausgestaltung des Wanderlabors bieten die gewonnenen Erkenntnisse damit eine empirisch fundierte Grundlage. Sie zeigen, wie Wege gestaltet werden können, die zugleich ästhetisch ansprechend, ökologisch wertvoll, erholsam und lernwirksam sind und damit den Anspruch erfüllen, hochwertige Naturerlebnisse für unterschiedliche Nutzergruppen nachhaltig zugänglich zu machen.
Erleben trifft auf Gestalten. Beteiligen trifft auf Forschen. Wanderlabor trifft auf Bad Berleburg.
Die BLB-Tourismus GmbH hat gemeinsam mit interessierten Bürgern und der wissenschaftlichen Expertise der Fernuniversität Hagen ein touristisches Zukunftsprojekt erarbeitet. Zentrale Frage des Wanderlabors ist die Gestaltung und Entwicklung von Wegen, die sowohl den Erwartungen der Wanderer entsprechen als auch Impulse für ein verantwortungsbewusstes Naturerleben setzen. Ein anspruchsvolles Projekt, das signifikante Ergebnisse für den Premium-Wanderort aufzeigt.
„Wandern ist so viel mehr. Man muss nur die richtigen Stellschrauben drehen“, sagt Rüdiger Grebe. Er weiß genau, wovon er spricht. Seit Jahren konzipiert er Wanderwege, studiert Trends und liefert Ideen für den Wandertourismus rund um Bad Berleburg. Rüdiger Grebe hat auch den Impuls für das innovative Forschungsprojekt (Citizen Science) Wanderlabor gegeben. „Der Wanderer muss sich auf dem Weg angesprochen fühlen – und zwar mit allen Sinnen“, erklärt Rüdiger Grebe, der das Projekt gemeinsam mit Thomas Frost leitet.
Die Wege im Premium-Wanderort stehen für hohe Qualität und thematische Vielfalt. Aber was erwartet der Wandertourist wirklich? Wie sieht das Wandern der Zukunft aus?
Fakt ist: Themen wie Klimawandel, Nachhaltigkeit und Biodiversität sind Herausforderung und Chance zugleich. „Um die Spitzenposition unseres Premium-Wanderortes zu halten, müssen wir uns aktiv mit den Veränderungen von Klima, Natur und Gesellschaft auseinandersetzen“, weiß Tourismusmanagerin Carola Haas. Wandern sei nicht mehr nur eine reine Freizeitaktivität, sondern zudem auch die Möglichkeit für eine lebenswerte, nachhaltige Zukunft.
Die Touristiker und Projektbeteiligten haben daher in enger Abstimmung mit den Wissenschaftlern der Fernuniversität Hagen ein detailliertes Konzept entwickelt. Kernpunkt des Wanderlabors sind begleitete Interviews entlang des Premiumweges „Via Celtica“. Die Aufgabe: Ein Team aus Interviewer, Techniker und Beobachter geht mit einem Teilnehmer über Abschnitte dieses Interpretationspfades – teils ist die eigene Auffassung des Wanderers gefordert, teils wird der Spaziergang mit Audiotexten aus dem Bereich Natur- und Kulturinterpretation (Heritage Interpretation) ergänzt. Die Gespräche werden aufgezeichnet, transkribiert und mithilfe einer thematischen Analyse ausgewertet.
Ob die „Beton-Kathedrale“ unter der Ederbrücke, die artenreiche Wildnisfläche oder die sprudelnde Meisbach-Quelle. Jeder Ort hat seine eigene Ausstrahlung. Jeder Teilnehmer seine eigene Wahrnehmung. „Die Interviews mit teilweise persönlichen Geschichten haben uns tief beeindruckt“, zeigt sich Carola Haas auch nach Wochen noch begeistert. Überregionale Experten haben sich auf diese Laborwanderung begeben und das Projekt unverblümt ehrlich auf sich wirken lassen. Erlebnisse, Emotionen und Entdeckungen. Gefühle, Geräusche und Gedanken. Sehen, Staunen und Sprechen – Bürgerbeteiligung von seiner schönsten Seite.
Die Ergebnisse dieser qualitativen Interviews sind zusammen mit den Erkenntnissen einer quantitativen Online-Befragung an die Fernuniversität Hagen gegangen. Damit bekommt das Projekt jetzt seine wissenschaftliche Einordnung – inklusive Auswertung und Maßnahmen-Katalog. „Die Ergebnisse belegen, dass naturbasierte Erlebnisse auf Wanderwegen ein hohes Potenzial haben, Erholung, Naturverbundenheit und Umweltbewusstsein zu fördern. Sie unterstreichen zugleich die Bedeutung einer sensiblen landschaftlichen Gestaltung, einer klaren Wegführung sowie einer zielgruppenspezifischen, nicht überfordernden Informationsvermittlung“, erläutert Prof. Dr. Thomas Ludwig von der Fernuniversität Hagen. Die Erkenntnisse würden zeigen, wie Wege gestaltet werden können, die zugleich ästhetisch ansprechend, ökologisch wertvoll, erholsam und lernwirksam seien. „Hochwertige Naturerlebnisse können nachhaltig interessant sein – und das für ganz unterschiedliche Zielgruppen“, schreibt Prof. Dr. Thomas Ludwig in seinem Fazit.
Für die Touristiker und das Wanderlabor-Team ist dieses Statement ein klarer Auftrag: „Das bestärkt unsere bisherige Arbeit. Wir sind auf dem richtigen Weg und werden dort auch weiter gehen“, blickt Andreas Bernshausen, Geschäftsführer der BLB-Tourismus GmbH optimistisch voraus. In vielen wandertouristischen Themen sei man Vorreiter und das Pilotprojekt Wanderlabor zeige deutliches Potenzial für die Region auf. Qualität halten – wenn möglich ausbauen – und Aktualität steigern sind zwei herausfordernde Eckpfeiler dieser Arbeit. Dafür müsse die Digitalisierung an den Wegen weiter forciert werden. „Audioschleifen sind dafür ein Beispiel. Sie können dem Wanderer gezielt Infos vermitteln und gleichzeitig zur eigenen Auseinandersetzung mit dem Thema motivieren.“ Darüber hinaus gebe es aber zahlreiche, unterschiedliche Anreize, um das Wandererlebnis nachhaltig und positiv zu festigen.
Erste konkrete Maßnahmen sind bereits in der Umsetzung. „Die Aussichtskanzeln in Arfeld und Schwarzenau bekommen zum Start in die Wandersaison neue Viscope-Fernrohre mit einem 360°-Panorama“, berichtet Carola Haas. Die innovativen, schwenkbaren Fernrohre geben den Blick auf Berge, Orte und Sehenswürdigkeiten in der Umgebung frei – ganz ohne Strom und Elektronik, dafür aber mit informativen Beschreibungen.
Und damit ist auch das Anfangszitat von Rüdiger Grebe bestätigt: „Wandern ist so viel mehr.“